{"id":1389,"date":"2018-04-30T22:00:39","date_gmt":"2018-04-30T20:00:39","guid":{"rendered":"http:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/?p=1389"},"modified":"2022-01-24T16:34:56","modified_gmt":"2022-01-24T14:34:56","slug":"mit-taucheranzug-und-schoepfkelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/en\/mit-taucheranzug-und-schoepfkelle\/","title":{"rendered":"Mit Taucheranzug und Sch\u00f6pfkelle"},"content":{"rendered":"\n<p>Von Sven Kerwath<\/p>\n\n\n\n<p>\u201cHinsetzen!\u201d ruft eine Stimme von oben. Ich kann nicht gemeint sein, denn ich sitze Backbord auf dem Zodiac und halte mich an einem der Drahtseile fest, an dem das Boot neben der Bordwand der Polarstern in der Luft baumelt. Sobald das Zodiac die Meeresoberfl\u00e4che ungef\u00e4hr 3 Meter tiefer erreicht hat, h\u00e4ngen wir vorsichtig den riesigen Kranhaken aus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone size-large wp-image-1390\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"http:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-2-U.Freier-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1390\" srcset=\"https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-2-U.Freier-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-2-U.Freier-300x169.jpg 300w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-2-U.Freier-768x432.jpg 768w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-2-U.Freier.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Unterwasserfilmaufnahmen unter antarktischen Bedingungen. Foto: Ulli Freier<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das restliche Team klettert \u00fcber die Lotsenleiter, einer Art Strickleiter, hinunter in das schwankende Boot. Dieses Man\u00f6ver verlangt beim ersten Mal eine geh\u00f6rige Portion Mut, da das Boot sich selbst bei verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig ruhiger See schon um einen Meter auf und ab bewegt. Nach dem Aushaken des Kranhakens wird der Motor gestartet. Leinen los und wir sind bereit unseren heutigen Auftrag zu erf\u00fcllen: Filmaufnahmen von Salpen in ihrem nat\u00fcrlichen Habitat und Salpen f\u00fcr physiologische und \u00f6kologische Experimente an Bord der Polarstern zu fangen. Wir haben nur ein kurzes Wetterfenster, bevor der eisige antarktische Wind den Einsatz im Zodiac unm\u00f6glich macht. Aufgrund der extremen Bedingungen ist das Tauchen in der Antarktis nur unter erheblichem logistischen Aufwand m\u00f6glich. Bei Wassertemperaturen von bis zu -1,5\u00b0C und Lufttemperaturen von bis zu -7\u00b0C, die durch den \u201eWind Chill Faktor\u201c auch zu -28\u00b0C werden, ist der Schutz vor K\u00e4lte oberste Priorit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone size-large wp-image-1402\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"http:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/P3280346_SB\u00f6ckmann-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1402\" srcset=\"https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/P3280346_SB\u00f6ckmann-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/P3280346_SB\u00f6ckmann-300x225.jpg 300w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/P3280346_SB\u00f6ckmann-768x576.jpg 768w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/P3280346_SB\u00f6ckmann.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Das Zodiac wird zu Wasser gelassen. Foto: Sebastian B\u00f6ckmann<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Unter dem 7 mm dicken Trockenanzug trage ich drei Paar Socken und zwei Lagen Polarunterw\u00e4sche. Bevor es ins Wasser geht, werde ich innerhalb von etwa 20 min f\u00fcr den Tauchgang ausger\u00fcstet. Zwei Taucher, ein Einsatz- und ein Sicherungstaucher, werden zuerst mit einer Signalleine gesichert, \u00fcber die auch mit dem Boot kommuniziert werden kann. Dann werden der Reihe nach Bleigurt, das Jacket mit Tauchflasche und Lungenautomaten, Flossen, Handschuhe und Tauchcomputer angezogen. Zum Schluss kommt noch die Vollgesichtsmaske mit zwei alternativen Atemreglern, falls eine der Luftversorgungen einfriert. Die Ausr\u00fcstung wiegt \u00fcber 40 kg. Sicht und Bewegungen sind extrem eingeschr\u00e4nkt und man kann sich gut in die Lage eines gestrandeten Wals hineinversetzen. Die Maske ist mit Kopfh\u00f6rern und Mikrophon ausgestattet, so da\u00df der Taucher jederzeit mit der Einsatzleitung kommunizieren kann. Nach einem ausf\u00fchrlichen Sicherheitscheck wird dem Einsatztaucher ins Wasser geholfen. Im Wasser sind die Strapazen der aufw\u00e4ndigen Vorbereitung erstmal vergessen und weichen einem Gef\u00fchl der Euphorie: tauchen im Antarktischen Ozean!Unser letzter Tauchgang war wundersch\u00f6n und sehr erfolgreich zugleich: Wir konnten im offenen Ozean, etwa 5 Meilen n\u00f6rdlich von Elephant Island, zum ersten Mal \u00fcberhaupt die Salpenart Salpa thompsoni, das zentrale Forschungsobjekt dieser Expedition, in ihrem nat\u00fcrlichen Habitat filmen. Der spiegelglatte Ozean, das Panorama von Elephant Island und der Blas der Finnwale, die um uns herum den antarktischen Krill jagten, sorgten f\u00fcr eine atemberaubende Kulisse. Zudem hatten wir eine Stelle gefunden, an der eine Salpenaggregation oberfl\u00e4chennah trieb und uns so die Filmaufnahmen erm\u00f6glichte. Die Auswertung<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone size-large wp-image-1391\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"http:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-3-U.Freier-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1391\" srcset=\"https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-3-U.Freier-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-3-U.Freier-300x169.jpg 300w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-3-U.Freier-768x432.jpg 768w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-3-U.Freier.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Eine solit\u00e4re Salpe nahe der Wasseroberfl\u00e4che. Foto: Ulli Freier<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>der Filmmaterials gab uns neue R\u00e4tsel auf: Das typische Pumpverhalten war weder bei Einzel- noch bei Kettenstadien der Salpen gut zu erkennen. Die rhythmische Muskelkontraktion der Salpen dient gleich drei verschiedenen Funktionen: Der Fortbewegung, durch den R\u00fccksto\u00df des ausgesto\u00dfenen Wassers, der Atmung und der Aufnahme von Nahrungspartikeln. Waren die Salpen schon verletzt und sind deshalb so nahe der Oberfl\u00e4che getrieben, oder war die stark verlangsamte Pumprate eine Reaktion auf den hohen Partikelgehalt des Oberfl\u00e4chenwassers, welches bei \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Aufnahme zur Verstopfung des Filterapparats im Schlund (Pharynx) der Salpe f\u00fchren kann? Der Film entfachte nach dem abendlichen Seminar eine rege Diskussion unter den Fachleuten und wir wurden beauftragt, weitere Filmaufnahmen von Salpen zu erstellen.&nbsp;Das Wetter bietet uns heute eine gute Gelegenheit, jedoch erleben wir auf dem Weg zur Tauchstelle eine \u00dcberraschung: Eine enorme Aggregation von Salpen nahe eines Felsenriffs. Die Brandung rauscht an die kargen hochaufragenden Felsen, von denen ein paar Eselspinguine herunterschnattern. Der bei\u00dfende Geruch von Guano steigt mir in die Nase, doch ich habe keine Zeit f\u00fcr Nebens\u00e4chlichkeiten. Ich greife nach der Sch\u00f6pfkelle und sch\u00f6pfe vorsichtig eine Salpe nach der anderen aus dem Wasser. Dies ist vom schwankenden Boot aus nicht ganz einfach und viele Tiere entkommen. Aber uns hat das Jagdfieber gepackt, denn wir wissen wie dringend diese Salpen f\u00fcr die Experimente an Bord der Polarstern ben\u00f6tigt werden. Diese unorthodoxe Fangmethode garantiert einen besonders guten Zustand der Tiere. Unser Erfolg hat aber auch seinen Preis: Die Beschaffung von Salpen ist heute oberste Priorit\u00e4t und das Tauchen wird verschoben. Wie sich herausstellt, ist dies genau die richtige Entscheidung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone size-large wp-image-1392\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"http:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-4-U.Freier-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1392\" srcset=\"https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-4-U.Freier-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-4-U.Freier-300x169.jpg 300w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-4-U.Freier-768x432.jpg 768w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-4-U.Freier.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Zodiac Einsatz vor Elephant Island. Im Hintergrund \u201ePoint Wild\u201c , eine historische St\u00e4tte. Ernest Shackletons M\u00e4nner warteten hier unter extremsten Bedingungen f\u00fcr 4,5 Monate auf ihre Rettung. Foto: Ulli Freier<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Wind nimmt stetig zu und bald verwandelt sich der Ozean in eine Buckelpiste aus steilen Wellen mit sch\u00e4umenden K\u00e4mmen. Die R\u00fcckfahrt zur Polarstern, die im tiefen Wasser au\u00dferhalb des schlecht kartierten Flachwasserbereichs wartet, wird ganz sch\u00f6n holprig. Nach einer dreiviertel Stunde sind beide Zodiacs mitsamt frierenden, aber wohlbehaltenen Insassen an Bord. Unsere Ausbeute, circa 200 Salpen verschiedener Gr\u00f6\u00dfe, wird sogleich fachgerecht von den Wissenschaftler\/innen versorgt und unter den verschiedenen Gruppen aufgeteilt. Von langen Ketten, bestehend aus einem Dutzend kleiner Einzeltiere (Blastozoid Stadium), in den wei\u00dfen Eimern nur an runden dunkelroten M\u00e4gen zu erkennen, bis zu den \u00fcber 10 cm gro\u00dfen r\u00f6hrenf\u00f6rmigen Einzeltieren (Oozoid Stadium) ist alles dabei und wird umgehend in die Laborcontainer abtransportiert. Nach einer weiteren halben Stunde sind die Boote entladen und der heutige Einsatz ist beendet. Durch die Schlepperei der zentnerschweren Tauchausr\u00fcstung sind wir klitschna\u00df geschwitzt. Nur meine H\u00e4nde tauen erst langsam wieder auf. Ich hatte im 0,6 Grad kalten Wasser zwei Stunden lang mit blo\u00dfen H\u00e4nden die Salpen gesch\u00f6pft. Schnell raus aus dem Taucheranzug, oft nur mit Hilfe eines Kollegen m\u00f6glich, und ab geht es unter die Dusche. Dieser Teil der Forschung unterscheidet sich doch deutlich von Labor- und Computerarbeit, Vorlesungen halten oder Ver\u00f6ffentlichungen schreiben.<br>Als Taucher Tiere in ihrem nat\u00fcrlichen Habitat zu beobachten, gibt einen einmaligen Einblick der \u00fcber die Analyse von Daten hinausgeht. Dies ist unerl\u00e4sslich, um dieses einzigartige \u00d6kosystem zu verstehen und zu erhalten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone size-large wp-image-1393\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-5-DBahlburg-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1393\" srcset=\"https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-5-DBahlburg-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-5-DBahlburg-300x200.jpg 300w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-5-DBahlburg-768x512.jpg 768w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/Pic-5-DBahlburg.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Mit Taucheranzug und Sch\u00f6pfkelle Foto: Dominik Bahlburg<\/figcaption><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von Sven Kerwath \u201cHinsetzen!\u201d ruft eine Stimme von oben. 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