{"id":1407,"date":"2018-05-05T22:22:18","date_gmt":"2018-05-05T20:22:18","guid":{"rendered":"http:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/?p=1407"},"modified":"2022-01-24T16:34:22","modified_gmt":"2022-01-24T14:34:22","slug":"gedanken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/en\/gedanken\/","title":{"rendered":"Gedanken"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Autor: Christoph Plum<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Ich sitze alleine im Roten Salon und lese. Eine Seltenheit an Bord. Ich nutze die Gunst der Stunde und ziehe mich f\u00fcr einen Moment von den Festlichkeiten zum Fahrtende zur\u00fcck um Zeit f\u00fcr mich zu haben, au\u00dferhalb der beengten vier W\u00e4nde der Kammer. Ich beobachte den Monitor an der Wand der st\u00e4ndig die Computeraktivit\u00e4ten auf der Br\u00fccke zeigt. Wie von Geisterhand bewegt sich die Maus \u00fcber den Bildschirm und legt den Kurs fest.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone size-large wp-image-1417\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/SV_elephant-1-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1417\" srcset=\"https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/SV_elephant-1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/SV_elephant-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/SV_elephant-1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Elephant Island \u00a9 Sacha Viquerat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das Buch welches ich lese hei\u00dft Wild und erz\u00e4hlt die Geschichte der Shackleton Expedition in die Antarktis aus der Sicht von Frank Wild. Wie passend, dass wir uns zurzeit vor Elephant Island befinden, die Insel, auf denen die Kameraden von Ernest Shackleton unter der F\u00fchrung von Frank Wild ausharrten und auf ihre Rettung hofften. Der Kontrast zwischen den damaligen Geschehnissen und den Bewegungen auf dem Computerbildschirm k\u00f6nnte nicht gr\u00f6\u00dfer sein. Ich befinde mich gef\u00fchlt am Ende der Welt, und dennoch macht es die Technik heute m\u00f6glich dieses Gebiet der Erde auf relativ komfortable Weise zu erforschen. Auch \u00fcber einhundert Jahre nach der Eroberung des S\u00fcdpols wissen wir doch vergleichsweise wenig \u00fcber diesen Kontinent und die Meere die ihn umgeben, vor allem was sich in ihnen abspielt.<\/p>\n\n\n\n<p>In diesem Moment wird mir bewusst, was die letzten Wochen eigentlich geschehen ist. Es blieb kaum Zeit die Erlebnisse zu verarbeiten. Zu sehr waren wir getrieben von unserer Neugier und unserer Arbeit an Bord. Man war oft hin und her gerissen zwischen den wissenschaftlichen Aufgaben im Labor und der Welt da drau\u00dfen. Dem eigentlichen Grund unseres Aufenthaltes. Als wenn die st\u00e4hlernen W\u00e4nde unserer Behausung uns die Sicht auf den eigentlichen Gegenstand unserer Arbeit nehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verbrachten tagt\u00e4glich viele Stunden damit, den R\u00e4tseln der Antarktischen Gew\u00e4sser auf die Spur zu kommen. Mit Netzen, Echolot, Tauchern, Wassersch\u00f6pfern, Sedimentfallen, verschiedenen Sensoren und nicht zuletzt einer Vielzahl an Experimenten. Es wurde ein gro\u00dfer Aufwand betrieben um das komplexe Nahrungsnetz der subantarktischen K\u00fcstengew\u00e4sser besser zu verstehen, insbesondere die Wechselbeziehung zweier Schl\u00fcsselorganismen \u2013 Krill und Salpen und deren Einfluss auf das Nahrungsnetz. Erste Ergebnisse unserer Untersuchungen an Bord zeigten eindrucksvoll die geographische und bathymetrische Verbreitung dieser Organismen rund um die Antarktische Halbinsel. Doch immer wieder zog es uns auch raus an Deck um die Eindr\u00fccke der Landschaften um uns herum aufzusaugen oder wenn es mal wieder hie\u00df: Wal in Sicht, Eisberg voraus, Land in Sicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone size-large wp-image-1416\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Lucassen_S\u00fcdkapper_1-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1416\" srcset=\"https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Lucassen_S\u00fcdkapper_1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Lucassen_S\u00fcdkapper_1-300x200.jpg 300w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Lucassen_S\u00fcdkapper_1-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>S\u00fcdkapper beim Abtauchen \u00a9 Magnus Lucassen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Unsere Reise f\u00fchrte uns auch ein St\u00fcck ins Weddelmeer und durch den Antarctic Sound. Hier bekamen wir die Antarktis zu Gesicht wie man sie sich oft vor dem geistigen Auge vorstellt. Eisschollen, Eisberge, eine geschlossene Meereisdecke oder gigantische Gletscherzungen auf dem Festland, dem Antarktischen Kontinent.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone size-large wp-image-1418\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/PS_2_Christoph-Plum-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1418\" srcset=\"https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/PS_2_Christoph-Plum-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/PS_2_Christoph-Plum-300x200.jpg 300w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/PS_2_Christoph-Plum-768x512.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Polarstern vor dem Antarctic Sound \u00a9 Christoph Plum<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Neben unserer Arbeit an Bord wurden wir immer wieder verw\u00f6hnt von Walsichtungen, Pinguinen die in Gruppen pfeilschnell durch das Wasser gleiten, Pelzrobben oder Seeleoparden \u2013 ich hatte es nicht gewagt auch nur davon zu tr\u00e4umen. Dar\u00fcber hinaus Eisberge deren Gr\u00f6\u00dfe nicht zu erahnen war,&nbsp; gigantischen Tafeleisbergen, die scheinbar den Horizont bedecken. Riesen, von mehreren Kilometern L\u00e4nge und Breite die wie Landmassen im Meer treiben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone size-large wp-image-1411\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"687\" src=\"http:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/gentoo_jump_DBahlburg-1024x687.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1411\" srcset=\"https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/gentoo_jump_DBahlburg-1024x687.jpg 1024w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/gentoo_jump_DBahlburg-300x201.jpg 300w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/gentoo_jump_DBahlburg-768x515.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Eselspinguin \u00a9 Dominik Bahlburg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dazu ein Licht, wie man es andernorts nur selten beobachten kann. Wolkenformationen, Formen und Bilder wie aus einer anderen Welt. All das gilt es zu verarbeiten f\u00fcr jemanden der zum ersten Mal in dieser abgeschiedenen Region der Erde unterwegs ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Insbesondere die Ansammlungen von Finnwalen die wir um Elephant Island beobachten konnten lie\u00dfen uns staunen und verschlugen uns zum Teil die Sprache. Bis zu 40 Individuen dieser majest\u00e4tischen Tiere versammeln sich hier um zu fressen, denn Krill, die Hauptnahrung dieser Bartenwale gibt es hier reichlich wie wir w\u00e4hrend unserer Expedition beobachten konnten. Auf unserem Weg durch den Antartic Sound sp\u00fcrten wir mittels Echolot einen Krillschwarm auf, welcher sich \u00fcber 4 km Breite, 20 km L\u00e4nge und 400 m Tiefe erstreckte. Eine unvorstellbare Ansammlung von Biomasse.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone wp-image-1413 size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"http:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Krill_Morten-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1413\" srcset=\"https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Krill_Morten-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Krill_Morten-300x200.jpg 300w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Krill_Morten-768x512.jpg 768w, https:\/\/icbm-auf-see.uni-oldenburg.de\/wp-content\/uploads\/2018\/05\/Krill_Morten.jpg 1200w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Krill Euphausia superba \u00a9 Morten Iversen<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>An einem besonderen Tag konnten wir dann tats\u00e4chlich beobachten wie Finnwale in einer gr\u00f6\u00dferen Ansammlung von mehreren Individuen fra\u00dfen \u2013 ein sogenannter \u201efeeding frenzy\u201c. Ein Ph\u00e4nomen was bei Finnwalen erst selten beobachtet wurde. Dazu Pelzrobben, Pinguine und Albatrosse die ihren Anteil suchten. Das Wasser schien f\u00f6rmlich zu kochen. Wir trauten unseren Augen nicht und alle an Bord waren in heller Aufregung. Insbesondere f\u00fcr die Walforscher an Bord war es der Moment der Ausfahrt.<\/p>\n\n\n\n<p>All das zog in den letzten Wochen wie im Rausch an uns vorbei. Selten die Momente, in denen man mal in Ruhe \u00fcber das Erlebte nachdenken konnte. Oft zu ersch\u00f6pft von der Arbeit und froh \u00fcber ein paar Stunden Schlaf. Jetzt, wo sich unsere Reise dem Ende neigt, \u00fcberkommen einen die Bilder. Noch ist es wie ein Film. Man wird wohl noch ein paar Wochen brauchen um alles zu verarbeiten, gl\u00fccklich \u00fcber das Erreichte und die besonderen Erlebnisse an Bord. Am Ende war es eine erfolgreiche und beeindruckende Expedition.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor: Christoph Plum Ich sitze alleine im Roten Salon und lese. Eine Seltenheit an Bord. 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