Mikrokosmos Schiff

Wenn man knapp vier Wochen auf dem Forschungsschiff keinen Landkontakt hat– besonders in so speziellen Gebieten wie der Arktis – ist es besonders wichtig, dass Crew und Wissenschaftler sich selbst zu helfen wissen, wenn es drauf ankommt. Was dabei oft untergeht, ist die Arbeit, die nicht auf den ersten Blick ersichtlich ist. So eine wichtige Aufgabe hat zum Beispiel die Unter-Deck-Crew, die für die Technik hinter allem verantwortlich ist. Hier wird dem Schiff und allen wichtigen Systemen in sieben elektronischen und mechanischen Werkstätten Leben eingehaucht.

Immer ein Ass im Ärmel

Der Pumpjet von außen auf dem Trockendock.
Der Pumpjet von außen auf dem Trockendock.

Auf der Merian gibt es unter Deck außerdem Dinge, die man nicht auf allen Schiffen findet. Das fängt schon bei den Antrieben an: zwei Gondeln mit je zwei Schrauben, die den Motor direkt unter dem Schiff ermöglichen. Gesamtleistung: Vier Megawatt. Unterstützt werden die von einem zentralen Pumpjet-Antrieb, der Wasser ansaugt und an anderer Stelle wieder ausstößt. Da dieser um 360 Grad drehbar ist, kann die Merian in jede gewünschte Richtung Schub aufbauen. Ergänzt durch ein dynamisches Computerprogramm ist es der Merian so möglich, das Schiff sehr genau auf Position zu halten. Der Bewegungsradius bleibt bei guten Wetterbedingungen so unter zwei Metern.

Im Notfall könnte das Schiff sich aber auch bei Ausfall eines Antriebes weiter fortbewegen, was gerade im Niemandsland der Arktis von unschätzbarem Wert sein kann. Apropos Notfall: Sollte die Brücke aus irgendeinem Grund einmal komplett ausfallen, ist es der Crew im Maschinenraum möglich, die Kontrolle über das Schiff zu übernehmen und es mit Kompass und Funkanweisungen zu steuern.

Redundanz ist das Zauberwort 

Die einzelnen Maschinenräume lassen sich im Notfall abschotten.

Die Redundanz der Maschinen findet sich aber nicht nur bei den Antrieben unter dem Kiel, sondern auch in den zwei Hauptmaschinenräumen. So nutzt die Merian zum Beispiel vier große Dieselmotoren (je zwei mit sechs und zwei mit acht Zylindern), die paarweise angeordnet sind. Im Notfall kann eine dieser Maschinenräume sofort isoliert werden, in dem feuerfeste und wasserdichte Schotten zugefahren werden. So ist die Merian, die viel am Eisrand operiert, bestens gegen Ausfälle geschützt. Für den absoluten Notfall steht zwei Decks weiter oben noch ein  Notgenerator, dessen Leistung mit 250 KW ausreicht, um alle wichtigen Systeme wieder anzuwerfen. Redundanzen waren also zentraler Bestandteil der Planungen für das Schiff. So ist es sehr unwahrscheinlich, dass das Team, umgeben von Eis, liegenbleibt und vermutlich Tagelang auf Hilfe warten müsste.

Alles-Könner unter Deck 

Altpapier wird an Bord auf eine handliche Größe gepresst.

Die Crew ist aber natürlich auch für all das zuständig, was an Land andere übernehmen würden, etwa die Wasseraufbereitung. In einem eigenen, geschlossenen System, wird das Schmutzwasser von immerhin 45 Personen an Bord theoretisch trinkbar aufbereitet. Dass das aber nur zum Spülen der Drähte, die die Gerätschaften an Bord hieven – und nicht zum Trinkverbrauch genutzt werden muss, erlaubt der Wasser-Aufbereiter. Der erstellt direkt an Bord ein Destillat aus dem Meerwasser und generiert so Trinkwasser. In der Regel zehn Tonnen täglich, maximal bringt er es aber sogar auf 30 Tonnen Trinkwasser am Tag. Da ist es besonders wichtig, vernünftig Buch zu führen. So kann die Besatzung zu jeder Zeit sagen, wie hoch der aktuelle Verbrauch an Wasser oder Diesel ist.  Doch die Liste der Tätigkeiten unter Deck ist lang. Auch die Verarbeitung von Müll gehört dazu, der an Bord sauber getrennt wird. Plastikflaschen werden zu Konfetti geschreddert, Papier in handliche Scheiben gepresst und Essensreste gesondert gelagert und erst an Land entsorgt. Das passt ins umweltbewusste Konzept des Schiffs genau wie der Verzicht auf Schweröl. Genutzt wird ausschließlich Marine-Gas-Öl.

Was einem an Deck der Merian aber besonders ins Auge sticht, sind nicht nur die riesigen Motoren, Kompressoren und Windensysteme. Es ist die penible Ordnung, bei der jedes Werkzeug oder Werkstück seinen festgelegten Platz hat. Das ist sicherer, spart Zeit und kann bei einem wirklich ernsthaften Maschinenalarm auch mal größeren Schaden abwenden, wenn der Techniker genau weiß, wo das notwendige Werkzeug liegt.

Auch, wenn wir heute mal die kleine Werk-„Stadt“ unter Deck vorstellen wollten, eine Ausnahme gibt es dann doch etwas weiter oben. Dort stehen drei extrem starke Kompressoren, die die nötige Leistung für die Pressluftkanonen sorgen, die andere Teams mit an Bord bringen können. Diese Kanonen werden für seismische Erkundungen der tieferen Gründe eingesetzt. Nach den Erzählungen der Crew sind wir aber sicher alle ganz froh, dass wir nur die schönen Kompressoren sehen und zumindest auf unserer Fahrt nicht ständig von den Kanonenschüssen aufgeschreckt werden.